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Zukunftstaugliche Gebäude: Nachhaltige Wohn- und Objektarchitektur mit Keramik

Sportbad Fridrichshafen: Agrob Buchtal / David Matthiessen

  21.07.2021    Trends und Wissen    Fliesen, Trends

Jahr für Jahr treten die Auswirkungen der Klimakatastrophe deutlicher zu Tage. Nachhaltiges, ökologisch verträgliches Bauen ist damit die zentrale Aufgabe für Architektur und Städtebau. Jens Fellhauer, Geschäftsführer des Bundesverbands Keramische Fliesen e. V., erläutert im Gespräch mit fio – Fliese im Objekt, inwiefern Fliesen zu einer nachhaltigen Bodengestaltung beitragen können- und ob dies aktuell bereits „gebaute Realität“ ist.

Bodenbeläge sind hohen Belastungen ausgesetzt. Wie sollte also eine nachhaltige, über Jahrzehnte „haltbare“ Bodengestaltung aussehen?
Ganz gleich, ob Objekt- oder Privatbau – wenn Architektur zukunftsfähig sein soll, müssen die eingesetzten Materialien gleichermaßen funktional überzeugen wie ästhetisch ansprechen. Für Bodenbeläge bedeutet das: Die Oberflächen sollten eine zeitlose Ästhetik besitzen. Zugleich müssen sie den teils sehr hohen mechanischen Belastungen, beispielsweise in Flughäfen, über Jahrzehnte standhalten. Und sie sollten am Ende ihrer Lebensdauer wieder einsetzbar, also recycelbar sein.
Erfüllt die Feinsteinzeug-Bodenfliese diese Anforderungen?

Erfüllt die Feinsteinzeug-Bodenfliese diese Anforderungen?
Besser als die meisten anderen Bodenbeläge. Denn Keramik bietet gleich ein ganzes Bündel ökologischer und funktionaler Vorzüge. Unter gestalterischen Gesichtspunkten sind Fliesen aufgrund ihrer riesigen Oberflächen-, Format- und Farbvielfalt eines der variationsreichsten Materialien des Interior-Designs überhaupt. So findet sich für jeden Gestaltungsansatz eine passende Fliese, die visuell stimmig in ein Raumkonzept eingefügt werden kann. Derartige Bodengestaltungen können Jahrhunderte überdauern – wie wir heute noch in Gründerzeit-Häusern oder Jugendstil-Treppenhäusern bewundern können, die heute noch häufig die Originalfliesen zieren.

Inwiefern teilen Architekten diese positive Sicht auf die Fliese?
Erfreulicherweise sehen das viele Architekten so. Jedenfalls ergab das eine Architektenbefragung des Bauinfo Consult-Instituts aus dem Jahr 2013. Denn auf die Frage, „Welche Belagsmaterialen werden in 5 Jahren angesagt beziehungsweise häufiger eingeplant?“ nannten 43 % der Architekten und Bauplaner mit Schwerpunkt Wohnungsbau „Keramik und Fliesen“ – noch vor Holz und Parkett, die mit 39 % an zweiter Stelle rangierten. Auch für den Objektbau führten keramische Beläge mit insgesamt 38 % aller Materialnennungen das Ranking der zukunftsfähigen Bodenbeläge an.

Betrachten wir das Treibhauspotenzial. Haben denn nicht viele Bodenbeläge eine günstigere C02-Bilanz als die Fliese?
Nein – oder nur, wenn Äpfel mit Birnen verglichen werden. Natürlich erfordert der Brennvorgang einer keramischen Fliese zunächst einen vergleichsweise hohen Primärenergieeinsatz. Andere Bodenbeläge bestehen jedoch aus Grundstoffen, die bereits einen hohen CO2-Fußabdruck aufweisen.

Ein sinnvoller Vergleich des Treibhauspotenzials verschiedener Bodenbeläge ist nur möglich, wenn der gesamte Lebenszyklus inklusive Recycling oder Entsorgung berücksichtigt werden. Bei dieser Betrachtung überzeugen Naturstein und keramische Fliesen, die über ihre gesamte Nutzungsdauer deutlich weniger C02-Aquivalente als andere Bodenbeläge erzeugen.

Apropos Lebenszyklus beziehungsweise Kreislaufwirtschaft: Was passiert am Ende der Nutzungsphase mit der Fliese?
Mit einer Lebensdauer von über 50 Jahren entlasten Feinsteinzeug-Fliesen Ressourcenverbrauch und Stoffkreislauf erheblich. Ökologisch bedeutsam ist aber auch die Frage: Was kommt danach? Kann das Material problemlos wiederverwertet, recycelt oder an anderer Stelle weiterverwendet werden? Im Unterschied zu vielen anderen Bodenbelägen mit problematischen Inhaltsstoffen oder schwer zu recycelnden Mehrschichtmaterialien wird Keramik schon lange und ohne aufwändige Aufbereitungsprozeduren als Bauersatzstoff weiterverwendet.

Architekten treffen ihre Materialwahl nicht selten im Konflikt zwischen ökonomisch machbar und ökologisch wünschenswert. Was bedeutet das für die Bodengestaltung?
Nach unserer Erfahrung wird die Belagswahl häufig aufgrund der Anschaffungskosten getroffen – und dann Abstriche bei der ökologischen Verträglichkeit in Kauf genommen. Diese Rechnung funktioniert nicht, wenn eine Nutzungsphase von 50 Jahren angesetzt wird. Denn wer die Kosten verschiedener Bodenbeläge über diesen Zeitraum analysiert, wird überrascht sein. Tatsächlich nivellieren sich die Unterschiede im Laufe der Nutzungsphase – oder kehren sich sogar um.

In dieser Sichtweise wären viele vermeintlich günstige Beläge auch ökonomisch eine schlechte Wahl?
Exakt. Denn die Unterhaltungskosten summieren sich über einen 50-Jahres-Zeitraum auf ein Mehrfaches der Anschaffungskosten. Im Falle weniger haltbarer Beläge entstehen neben dem Reinigungsaufwand Kosten für teils mehrere Renovierungs- oder Austauschzyklen sowie die Entsorgung. Eine vergleichende Kostenanalyse zeigt, dass die beiden Hartbeläge Naturstein und Fliesen auf die lange Sicht sogar als ökonomischste Materialwahl gelten dürfen. Insofern ist es weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll, auf Bodenbeläge zu setzen, die zum Beispiel Luftschadstoffe emittieren oder von denen gar nicht klar ist, wie lange haltbar sie wirklich sind.

Wie tauglich sind Fliesen, wenn es um gesunde Wohnkonzepte geht?
Durch die hohe Luftdichtigkeit moderner Bauten gleicht die Raumluft heute leider häufig einem „Giftcocktail“, der verschiedenste gesundheitsschädliche Substanzen enthält. Durch die große Kontaktfläche spielt eine „schadstofffreie“ Wand- und Bodengestaltung deshalb eine wichtige Rolle. Für keramische Fliesen aus deutscher Produktion sieht die Bilanz ganz einfach aus: Wo kein Gift enthalten ist, dünstet auch keines aus. Insofern benötigt die Fliese auch keinen „Blauen Engel“. Deutsche Fliesen bestehen aus heimischen, mineralischen Rohstoffen – und sind zeitlebens raumluftneutral. Was die Verlegematerialien angeht: Es gibt heute eine große Auswahl zertifizierter VOC-freier Fliesenkleber und Fugenmassen.

Und mit welchen weiteren funktionalen Eigenschaften unterscheiden sich keramische Oberflächen von anderen Bodenbelägen?
Die dicht gebrannte Oberfläche ist belastbar, kratzunempfindlich sowie hitzebeständig. Dadurch sind Fliesen auch bei hohen Temperaturschwankungen beziehungsweise starker UV-Strahlung formbeständig, bleichen nicht aus und verspröden nicht. Andererseits tragen Fliesen zum Brandschutz bei. Denn Keramik ist feuerfest und entwickelt im Brandfall im Unterschied zu vielen anderen Bodenbelägen keine giftigen Gase. Last but not least ist Keramik neben einigen Natursteinen der ideale Belag auf Fußbodenheizungen. Denn aufgrund des geringen Wärmedurchlass-Widerstands leiten Fliesen die Wärme aus dem System quasi verlustfrei und damit energieeffizient an die Fußbodenoberfläche. Diese physikalische Eignung kommt besonders zum Tragen, wenn Fußbodenheizungen mit regenerativen Energiequellen kombiniert werden; denn dann sind die Vorlauftemperaturen so niedrig, dass ein exzellent wärmeleitender Bodenbelag erforderlich ist, um die nötige Heizleistung zu generieren.

Richten wir den Blick auf die Produktion von Fliesen. Wie umweltverträglich entstehen Fliesen in Deutschland?
Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben einen hohen Stellenwert in der deutschen Fliesenindustrie. Umweltverträgliche Produktion und größtmögliche Ressourcenschonung sind seit vielen Jahren fest verankert in der Unternehmenskultur deutscher Produzenten. Im internationalen Vergleich existierten darüber hinaus in Deutschland die anspruchsvollsten Umweltgesetze und die strengsten Kontrollverfahren. So entstehen in den Werken unserer Mitgliedsunternehmen Fliesen, die sicherlich zu den umweltverträglichsten Fliesen der Welt zählen.

Paracelsus Bad Salzburg: Agrob Buchtal / Michael Christian Peters

Welche konkreten Maßnahmen machen den Herstellungsprozess in deutschen Fliesenwerken effizient und umweltfreundlich?
Die deutschen Fliesenhersteller verfügen über eine effiziente Brenn- und Produktionstechnik sowie ein ausgeklügeltes Energie- und Umweltmanagement. Dies fängt mit dem Einsatz von recycelten Rohstoffen und dem sauberen Energieträger Gas an; gängiger Produktionsstandard sind schadstofffreie Rohstoffe, effiziente Luftfilter und geschlossene Abwassersysteme.

Gibt es weitere Aspekte, die für Fliesen aus heimischer Produktion sprechen?
Ja, denn für die Ökobilanz eines Produktes ist die Bedeutung des Transportweges nicht zu unterschätzen. In den deutschen Werken kommen meist produktionsnah gewonnene Rohstoffe wie Ton, Feldspat und Kaolin zum Einsatz. Da deutsche Traditionsmarken ihre Produkte auch überwiegend für den Inlandsmarkt produzieren, erreichen wir extrem kurze Transportwege. Dies vermindert – verbunden mit einer extrem effizienten Logistik – Umweltlasten durch den Transport um bis zu 70 % im Vergleich zu ausländischen Lieferanten.

Im Sinne der Nachhaltigkeit gilt also auch bei Fliesen der „Buy local“-Ansatz?
Ja, denn der Kauf von Importprodukten fördert nicht selten fragwürdige Produktionsbedingungen. Ökologisch betrachtet ist es jedenfalls nicht von Vorteil, dass zunehmend Fliesen aus China, Indien oder der arabischen Welt nach Europa importiert werden. Denn in diesen Ländern wird ohne ökologische Mindeststandards und ebenfalls mit einer deutlich schlechteren C02-Bilanz produziert. Im Falle von Naturstein wird dieser in Indien zum Beispiel häufig durch Ausbeutung der ArbeiterInnen und nicht selten durch Kinderarbeit erzeugt. Auch wirtschaftlich ist dieser Umstand für europäische Produzenten besonders ärgerlich, denn mit den Dumpingpreisen derartiger Importware können europäische Hersteller, die enorme Summen in ökologisch verträgliche Produktionstechnik investiert haben, nicht mithalten.
Hinzu kommt die transportbedingte Umweltbelastung – die umso stärker zum Tragen kommt, je weiter der Produktionsstandort entfernt liegt.

Als Fazit die Frage: Keramik kann rein physikalisch sogar Jahrhunderte überdauern – aber wie sieht ein „nachhaltiges“ Fliesendesign aus?
Nachhaltiges Fliesendesign entsteht durch das Weglassen von Unnötigem. Und durch den Verzicht auf Effekthascherei und plakative, meist kurzlebige Trends. Wer sich die aktuellen Bodenfliesen-Sortimente deutscher Markenhersteller anschaut, stellt fest, dass exakt jene „zeitlose Optik“, die auch gerne als bodenständig bezeichnet werden darf, die zentrale gestalterische Klammer des gegenwärtigen Fliesendesigns „made in Germany“ ist. Ob klassische Steinzeug-Oberfläche oder bis ins kleinste Detail authentische Natursteininterpretation; ob strukturierte Betonoberfläche, authentische Estrichanmutung – oder die Neuauflage verschiedener historischer Dekore: Keramik verkörpert stilistische Vielfalt und besitzt haptischen Reiz – wobei immer die eigenständige Schönheit der jeweiligen Oberfläche wirkt. Wenn eine Fliese vom Planer stilistisch stimmig in ein ganzheitliches Raumkonzept eingefügt wird, entsteht eine Bodengestaltung, die problemlos Jahrzehnte überdauert.

Quelle: BKF - Bundesverband Keramische Fliesen

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